Botanicals: Die heimlichen Helden des Gins

Von Viktoria Meyer

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Botanicals im Gin
Verleihen dem Gin einen guten Geschmack: die Botanicals

Was beim Essen schon immer das gewisse Etwas ausmachte, wird seit einiger Zeit auch beim Trinken immer wichtiger: die Aromen. Kaum eine andere Spirituose hat davon so viele wie der Gin. Grund dafür sind die Botanicals, also sämtliche Zutaten, die einem Gin beigefügt werden, um seinen jeweils individuellen Geschmack herzustellen. Sie bilden die Grundlage eines guten Gins und verleihen ihm seinen Charakter. Obwohl es über 100 Botanicals (Englisch für pflanzliche Extrakte) gibt, war es lange üblich, bei klassischen Ginsorten „nur“ zwischen sechs und zehn Zutaten zu verwenden. In den letzten Jahren hat sich der Trend jedoch gewandelt und es fließen immer mehr Botanicals in die Flaschen.

Jeder Gin hat seine ganz eigene Rezeptur. Bereits kleine Änderungen an der Zusammenstellung von Zutaten und Aromen können große Unterschiede machen und den Geschmack des Gins stark beeinflussen. Eine Hauptkomponente haben jedoch alle Ginsorten gemein: die Wacholderbeere. Mit ihrem herben Aroma macht sie den charakteristischen Grundgeschmack eines jeden traditionellen Gins aus und ist gleichzeitig die notwendige Komponente, um eine Spirituose als Gin zu klassifizieren.

Kräuter, Samen – und Rinde?

Zu den meist verwendeten Botanicals zählen Koriandersamen, Zitronen- oder Orangenschalen. Immer beliebter werden jedoch auch ungewöhnlichere Beigaben wie Rinden oder Teeblätter. Die vielen verschiedenen Aromen sorgen für individuelle Geschmacks- und Geruchsmomente und können je nach Belieben dosiert und kombiniert werden.

Früchte für die Süße, Piment für’s Pikante

Wem der Wachholdergeschmack beispielsweise zu stark ist, der kann durch die Beisetzung von Früchten oder Beeren Süße hinzufügen. Neben Cranberrys und Feigen können hier auch Hopfen oder Gurken zum Einsatz kommen. Die Schalen der Früchte liefern zudem wertvolle ätherische Öle, die dem Gin eine frische, spritzige Note verleihen.

Einen würzigeren Geschmack bekommt der Gin hingegen durch Zutaten wie Grünem Tee oder Salbei. Exotisch wird es mit Weihrauch oder Mate – die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Mandeln oder Walnüsse gehören mit ihrem herben bis holzigen Geschmack zu den eher exotischen Vertretern der Botanicals, ebenso wie feurig-pikante Importe aus dem Orient, etwa Schwarzer Pfeffer oder Piment.

Wurzeln und Rinden wie Ingwer oder Zimt zeichnen sich durch ihren komplexen Reichtum an Aromen aus. Mit einer Mischung aus erdigen, bitteren aber auch milderen, süßlichen Elementen bilden sie oft das geschmackliche Fundament eines guten Gins und nehmen einen großen Einfluss auf dessen Abgang. Auch unter Samen und Hülsen finden sich Aromenwunder. Dabei ist die Auswahl von Vanille über Muskat bis hin zu Anis und Kümmel extrem vielseitig.

Quantität gleich Qualität?

Wie viele Botanicals pro Gin tatsächlich Sinn ergeben, ist eine andere Frage. Marken wie der Monkey 47 aus dem Schwarzwald werben schon mit ihrem Namen dafür, eine große Zahl an Botanicals – 47, um genau zu sein – zu verwenden. Der Tanqueray London Dry Gin Maxi der Traditionsmarke Tanqueray aus England kommt hingegen mit nur drei weiteren Aromaträgern neben der Wacholderbeere aus, der r(h)ein Gin aus Düsseldorf sogar mit nur einem, der Wacholderbeere selbst. Zahlreiche Ginsorten beinhalten rund 20 Zutaten. Kritiker zweifeln jedoch daran, ob so viele Zutaten wirklich nötig sind und sich die Geschmäcker dieser großen Anzahl von Botanicals nicht gegenseitig überdecken.

(London) Dry Gin – Die Herstellung macht den Unterschied

Die Zugabe der verschiedenen Botanicals ist je nach Herstellungsart unterschiedlich. Während beim vom Geschmack der Wacholderbeere geprägten London Dry Gin alle Botanicals vor der zweiten Destillation auf einmal dazugegeben werden, können die Botanicals beim Dry Gin in mehreren Schritten aromatisiert und zu jedem Zeitpunkt hinzugegeben werden.

In der Herstellung gibt es vor allem zwei gängige Methoden, um die Botanicals in getrockneter, möglichst klein zerteilter Form, dem Neutralalkohol beizufügen: Die Mazeration, die auch als Kaltauszug bezeichnet wird, und die Perkulation, oder auch Durchlaufverfahren. Hier kommen die Botanicals nur indirekt mit dem Alkohol in Berührung, während sie bei der Mazeration im Neutralalkohol einweichen. Die durch Perkulation destillierten Ginsorten weisen einen deutlich sanfteren und weniger stark aromatisierten Geschmack auf, während Gin, der durch Mazeration gewonnen wurde, sich durch einen wesentlich intensiveren Aromenkorpus auszeichnet.

Gin Tonic mit Zitrone
Gin kann mit unterschiedlichen Botanicals verfeinert werden | Quelle: pixabay

Die gesunde Wirkung der Botanicals

Bei der großen Zahl von Möglichkeiten ergibt es neben der Austüftelung einer geschmacklich einzigartigen Rezeptur durchaus Sinn, sich bewusst auf eine Gruppe von Botanicals zu konzentrieren. Ansätze könnten dabei sein, nur lokale Produkte zu verwenden oder sich auf die Wirkung der Zutaten zu fokussieren. Außer guten Aromen bringen diese zusätzliche Vorteile mit sich.

Die Bitterstoffe der Wacholderbeere beispielsweise unterstützen die Verdauung, kommen in geringen Mengen der Leber zugute und fördern die Produktion der Magensäure. Die in der Wacholderbeere enthaltenen Antioxidantien können zudem der Haut gut tun. Es gibt sogar schon den ersten, mit speziellen Botanicals angereichten Gin gegen Falten, den Anti-aGin der britischen Hotelkette Warner Leisure Hotels . Die ätherischen Öle der Botanicals können zudem vorbeugend gegen Husten und Lungenerkrankungen wirken. Außerdem enthält Gin größere Mengen an sekundären Pflanzenstoffen, welche sich positiv auf das Herz-Kreislaufsystem auswirken und die Durchblutung im Körper verbessern. Botanicals können also eine ganze Menge. Vor allem aber liefern sie uns vielseitige Geschmackserlebnisse und führen uns in neue Aromawelten.

 

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